Vom 8. bis zum 10. Mai 2026 fand das deutsch-französische, multilinguale Seminar zum Thema “Quo Vadis Schengen – 40 Jahre europäische Erfolgsgeschichte im Schatten neuer Grenzkontrollen” in Kehl und in der Grenzregion Kehl-Straßburg statt. Organisiert wurde es durch die JEF Baden-Württemberg, gemeinsam mit der JEF Straßburg und verschiedenen Partnern. Das Seminar wurde durch die Baden-Württemberg Stiftung im Programm Nouveaux horizons gefördert.
Hier kamen 35 junge Menschen aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden zusammen um über das Schengener Abkommen, die Vision eines vereinten grenzenloses Europas und die Zukunft Europas hinsichtlich der Binnengrenzkontrollen diverser Mitglieder des Schengenraums, sowie offene Grenzen damals und heute zu sprechen.
Los ging es am Freitagnachmittag mit einer Einführung, gehalten von der Landesvorsitzenden der JEF, Sarah Reisinger. Diese Einführung nahm die Teilnehmenden mit in die Geschichte des Schengener Grenzkodexes, von der mündlichen Absprache zwischen Kohl und Mitterrand 1984 über die schriftliche Absichtserklärung 1985, dem 1995 Inkrafttretens des 1990 unterzeichneten Durchführungsübereinkommen, bis hin zu der aktuellen illegalen Aussetzung des Abkommens durch die Bundesregierung. Hier folgte ein digitales Grußwort der Direktorin des Schengen-Museums im Ort Schengen, die den Teilnehmern diesen besonderen Ort und das neu gestaltete Museum auf eine ganz andere Weise näher brachte.
Außerdem erhielten die Teilnehmenden einen umfassenden Einblick in die Kampagne „Don’t touch my Schengen“, welche sich von der JEF organisiert gegen diese Grenzkontrollen positioniert und die Grenzkontrollen als Einschnitt in die Werte Europas sieht. Diese wurde erstmals 2015 ins Leben gerufen, als Protest gegen die Einführung von Grenzkontrollen an der deutsch-österreichischen Grenze, und erhielt neuen Wind als 2024 die Ampelregierung allgemeine Grenzkontrollen anordnete, welche durch die aktuell CDU-geführte Regierung nochmals verschärft wurden.
Schon im Laufe der Einführung wurde eine Besonderheit dieses Seminars klar: Es war zweisprachig. Gesprochen wurde Deutsch und Französisch, alle Vorträge wurden entweder auf beiden Sprachen vorgetragen oder durch Teilnehmende simultan übersetzt. Es war ein herrliches Gefühl, die deutsch-französische Nähe so zu spüren zu bekommen, aber auch die Hilfsbereitschaft und Selbstverständlichkeit, mit welcher auf die Teilnehmenden aller Sprachen Rücksicht genommen wurde. Ebenso beeindruckend war die Quote an Teilnehmenden, die beide Sprachen so sicher beherrschten, dass diese Form der Kommunikation über die zwei Tage Seminar hinweg gelebt werden konnte.
Im Anschluss an die Einführung gab es zur Stärkung für alle Pizza, bevor es zum gemeinsamen Barabend mit der JEF Straßburg über die Grenze von Kehl nach Straßburg ging.
Und an dieser Stelle wurde die ganz praktische Relevanz des Seminars klar: An diesem Grenzübertritt, welcher täglich von 4000 Kehler*innen zum täglichen Berufspendelweg gehört (https://www.kehl.de/leben%20in%20kehl/service/wir%20leben%20europa) kontrolliert eine ganze Horde von Bundespolizisten Grenzgänger. Es stehen mehrere Mannschaftswagen an der Kehler Autobrücke nahe dem Bahnhof, jede S-Bahn wird von Polizisten gefilzt, und der Rückstau nach Frankreich reicht weit über die Brücke. Das ist die heutige Realität, Bilder, von denen wir dachten, sie würden einer weiten Vergangenheit angehören, und die aber für Menschen aus der Grenzregion schon leider wieder zur Normalität gehören. Die jahrelange Erfolgsgeschichte (und vielleicht auch Utopie) von offenen Grenzen wurde in nur zwei Jahren wieder eingerissen, und wo Ländergrenzen wieder hochgezogen werden, werden auch die Grenzen in den Köpfen der Menschen wieder aufgebaut.
Der Barabend selbst war jedoch ein bunter deutsch-französischer Austausch, voller Spaß, ausgetauschter Geschichten, philosophieren über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutsch-französischer Kulturen und einem Spaziergang durch das nächtliche Straßburg.
Am Sonntagmorgen berichtete die Europa-Initiative St-Germanshof über den Grenzsturm von 1950. Hier hatten 300 Studierendenin einer geheim geplanten Aktion bei St Germanshof illegal die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich überquert, die Schlagbäume abgesägt und nach deren Abbrennen eine Proklamation für ein gemeinsames Europa ohne Grenze, ein europäisches Parlament, eine europäische Regierung und einen europäischen Pass ausgerufen. Der Mut der Studierenden und die klaren Visionen für ein gemeinsames Europa bilden die historische Grundlage der Idee eines grenzenlosen Europas. Elisabeth Heister und Niels Grammes erzählten von der Begeisterung, mit der die Menschen damals für Europa brannten, über die Vorbereitungen dieses Grenzsturmes und über die europäische Euphorie, welche die Studierenden in sich trugen. Aus dem Kreis dieser Studierenden wurde auch die JEF gegründet.
Im Anschluss teilten sich die Seminarteilnehmenden auf drei Workshops auf, die jeweils von Expert*innen geleitet wurden und einzelne Aspekte des Schengener Abkommens beleuchteten und zu vertiefen.
Jonas Bornemann (Universität Groningen) beleuchtete die juristische Perspektive und machte deutlich, dass die aktuellen Kontrollen durch Deutschland rechtswidrig seien, wie bereits mehrere Gerichtsbeschlüsse auch darlegen. Die Bundesregierung hält sich somit mit dem aktuellen Vorgehen nicht an geltendes Recht, die Notlage, die für solche Grenzkontrollen erforderlich wäre, ist juristisch nicht nachweisbar, und die Begründungen für die Verlängerungen nur Spitzfindigkeiten, welche in keinem Gericht standhalten. Außerdem zeigte er auf, unter welchen Umständen Kontrollen temporär möglich sind und welche juristischen Wege möglich wären, um den Schengen-Raum wieder ohne Kontrollen herzustellen. Zusammen mit den Teilnehmern wurde das Thema Rechtsstaatlichkeit in der EU diskutiert und wie es sein kann, dass manche Länder aufgrund von Verstößen angeprangert werden und andere wiederum nicht und ob dadurch die Glaubwürdigkeit der EU ein Stück weit verloren geht.
Michael Böhmer von Prognos gab Einblicke in die wirtschaftlichen Konsequenzen von Kontrollen und zeigte auf, dass der Schengener-Grenzkodex der europäischen Wirtschaft jährlich viele Milliarden spart und dem Tourismus sowie der Logistik in der Grenzgregion enorm zugute kommt. So berichtete er von den geschätzten volkswirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe (Schätzung Gesamtkosten von 11,5 Mrd Euro, https://www.allianz-trade.de/presse/pressemitteilungen/deutsche-grenzkontrollen-verteuern-waren.html ), welche durch verspätete Pendler*innen, verlangsamten Warentransport, sowie viele weiteren Faktoren, aufsammeln würden. Außerdem referierte er über die weiterhin hohen bürokratischen Hürden beim Warentransport zwischen EU-Ländern, welche durch eine engere europäische Kooperation für die Binnenwirtschaft deutlich gesenkt werden könnten. Aktuell arbeitet Prognos an einer neuen Studie, die die enormen Kosten der Kontrollen und deren Schaden für den europäischen Binnenmarkt aufzeigt. Zudem wurde diskutiert, inwiefern der europäische Wirtschaftsraum noch weiter miteinander verschmolzen werden kann, da es gerade in Grenzregionen erhebliche Probleme und hohe Kosten aufgrund nicht-vereinheitlichter rechtlicher Grundlagen gibt. Beispielsweise, wenn eine Straßburger Privatperson einen deutschen Dachdecker aus Kehl beauftragen will.
Dr. Moritz Rehm, Universität des Saarlands, präsentierte ein spannendes Ergebnis seiner Forschungsgruppe. Er und sein Team hatten sich mit der Fragestellung auseinandergesetzt, ob in Grenzregionen lebende Menschen ein stärkeres Europagefühl hätten und ob Franzosen und Deutschen sich unterscheiden. Hier konnten die Teilnehmern auch ihre eigenen persönlichen Erfahrungen einbringen. Dabei ergaben ihre Studien, dass dem unerwarteterweise nicht so sei. Das Europagefühl hänge von diversen Faktoren (wie zum Beispiel Bildung, Einkommen, sowie Geschlecht) ab, aber eben nicht davon, ob Menschen in Grenzregionen lebten. Eher sind z.B. Unterschiede zwischen West- und Osteuropa festzustellen, da sich Menschen aus dem Westen Deutschlands grundsätzlich europäischer fühlen. Zudem ist festzustellen, dass leider auch immer mehr Menschen in Grenzregionen rechtsextreme, europafeindliche parteien wählen und sich z.B. auch durch Grenzkontrollen sicherer fühlen. Die anschließende Diskussion beschäftigte sich mit den möglichen Ursachen dieser Feststellung.
Anlässlich des Europatages organisierte die JEF Baden-Württemberg an diesem Samstag, den 09. Mai außerdem eine öffentliche Podiumsdiskussion in der Aula der Hochschule Kehl, bei der zusätzlich zu den Seminarteilnehmern weitere 20 Zuschauer anwesend waren. Direktor Dr. Beck begrüßte mit einem Grußwort, in der er die Wichtigkeit der Europäischen Union hervorhob. Mit dabei für die Sicht der Verwaltung und Politik in der Grenzregion waren Wolfram Britz (Oberbürgermeister Stadt Kehl), Heinz Haag (CDU Kehl) und Andreas Fröhlich (Grüne Ortenau-Kehl). Die wissenschaftliche Perspektive wurde von Dr. Moritz Rehm (Universität Saarland, gesellschaftswissenschaftliche Europaforschung) und Georg Walter, dem Direktor Euro-Instituts Kehl, vertreten. Moderiert wurde die Diskussion von Sarah Reisinger, Landesvorsitzende der JEF Baden-Württemberg. Gemeinsam mit den Experten wurde diskutiert, wie die Zukunft von Schengen und Europa aussieht, warum die Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Frankreich rechtswidrig sind und was die Grenzkontrollen und die Reisefreiheit des Schengener-Abkommens eigentlich für unsere europäische Identität bedeuten. Weitere Diskussionspunkte waren unter anderem die Spannungsfelder zwischen lokaler und deutscher Politik innerhalb der Parteien, die Hürden, die den Menschen vor Ort durch die Kontrollen aufgebürdet werden, aber auch welche Grenzen dadurch in den Köpfen der Menschen entstehen, und wie wichtig der deutsch-französische Austausch besonders in Grenzregionen ist.
Außerdem wurden mit dem Publikum konkrete Ideen überlegt, die in den Rathäusern von Kehl und Straßburg für eine Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls in Grenzregionen umgesetzt werden könnten. Wolfram Britz hat einige der Ideen, wie z.B. jährlich am Europatag ein gemeinsames grenzüberschreitendes Europafest, zu veranstalten oder das ganze Jahr über vor dem Kehler Rathaus die Europafahne zu hissen, mit aufgenommen. Die Zuschauer brachten außerdem ein, dass Menschen aus der Bundes- und Landespolitik die Grenzregionen aus den Augen verlieren und nicht mit den Menschen vor Ort sprechen würden, die die Grenzkontrollen in ihrem täglichen Alltag beeinträchtigen.
Abgerundet wurde der Abend mit einem abendlichen Spaziergang und gemeinsamen Flammkuchenessen mit Mitgliedern der JEF Straßburg in Straßburg. Hier stand das deutsch-französische Netzwerken der Teilnehmer auf dem Programm, zu dem sich sogar noch zwei der Referenten anschlossen.
Am Sonntag folgte die Arbeitsphase, bei der die Gruppen der
Workshops noch einmal zusammenkamen, um konkrete Outputs und Ergebnisse zu
diskutieren und aufzubereiten. Daraus entstanden erste Entwürfe für Social
Media und ein Abschlussdokument. Abgeschlossen wurde dann das Seminar mit einem
Grenzspaziergang über die deutsch-französische Fußgängerbrücke. Diese wurde von
einem ehemaligen JEFer, der zu seiner Studentenzeit in Kehl wohnte, als Idee
bei den beiden Städten zur Verbindung der Menschen zwischen den beiden Ländern
eingebracht und somit initiiert. Während des Spaziergangs konnten einige Orte
entdeckt werden, die die Grenze heute noch zeigen, aber auch Orte, an denen die
Grenze verschwimmt. So sind viele der Kehler Geschäfte zum Beispiel
zweisprachig. Ein Highlight war dabei der Park des deux rives, welcher
anlässlich der gemeinsamen Landesgartenschau 2004 entstand und zeigt, dass
grenzüberschreitende Projekte die Lebensqualität der Menschen verbessern
können.