Im Rahmen des Projekts „Demokratisierungsprozesse in Ost- und Südosteuropa“ waren die Jungen Europäer – JEF Baden-Württemberg vom 06.10. bis 13.10 auf dem Balkan unterwegs. Die Studienreisen nach Moldawien, Bosnien-Herzegowina, Serbien/Kosovo mit einem hautnahen Einblick in den Transnistrien-Konflikt, den Entitäten- und Kosovokonflikt, ließen eine Fahrt in das Land, das als letzte Teilrepublik Jugoslawiens ihre Unabhängigkeit erklärte, als logische Konsequenz erscheinen.

Mittlerweile ist Mazedonien seit mehr als 20 Jahren unabhängig. Doch in den internationalen Organisationen, ob in den Vereinten Nationen oder in der NATO, heißt dieses kleine Land nur kurz „FYROM“, oder ausformuliert sperrig: „Former Yugoslav Republic of Macedonia“ – ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien. In der Landesverfassung steht zwar Republik Mazedonien, aber Nachbar Griechenland ist damit nicht einverstanden. Das EU-Mitgliedsland beansprucht Namen und die Symbole der unabhängigen Republik für sich. Sie haben eine gemeinsame Geschichte und die geografische Region Makedonien teilen sich beide Länder noch immer. Im sehr emotional geführten Namensstreit berufen sich beide Seiten auf ihre Geschichte und gehen nicht einen Zentimeter aufeinander zu. Der Republik Mazedonien bleiben damit die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen und somit Fortschritte auf dem Weg in die Europäische Union versperrt.

Über den Namensstreit, aber genauso über die innerpolitische Minderheitenproblematik (Albaner, Roma- und Sinti etc.) diskutierten wir mit Vertreter*innen der Parteien, Jugendparteien, NGOs, der OSZE und der JEF Mazedonien. Wir erhielten von Tag zu Tag und von Termin zu Termin einen tieferen Einblick in die Probleme dieses Landes und versuchten innerhalb unserer 8-köpfigen Gruppe die neuen Informationen zu verarbeiten und einzuordnen.

Kurz nach unserer Heimreise sprach sich EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso für die Aufnahme aller Balkanländer in die EU aus – Mazedonien inbegriffen. “Langfristig werden wir die Balkanländer aufnehmen, wenn sie die Voraussetzungen und Kriterien erfüllen“, sagte Barroso der Bild-Zeitung. Es dürfe nicht vergessen werden, dass viele der Balkanländer noch vor wenigen Jahren Krieg gegeneinander geführt hätten. „Der EU-Betritt gibt ihnen eine Perspektive und ist ein wichtiger Hebel zu Befriedung der Region.“

Einen ähnlichen Eindruck konnten wir auch mit nach Hause nehmen. In Mazedonien ist noch einiges im Argen. Das Bildungssystem birgt mit der strikten Trennung zwischen Albanern und Mazedoniern die Gefahr in sich, den Konflikt zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen zu vertiefen, den Menschen fehlt die Rechtssicherheit und auch das Thema Medien ist in Mazedonien ein heikles Terrain. Am 21. Oktober wurde ein kritischer Journalist, der versuchte die Unregelmäßigkeiten im Rechtssystem aufzudecken, zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. „Medien sind ein trauriges Kapitel, die Journalisten stehen fast alle auf der Gehaltsliste der Regierung“, so die deutsche Botschafterin in Mazedonien, Gudrun Steinacker. Und weiter: „Ich glaube, dass Mazedonien an einem Geburtsfehler leidet, der erste Präsident hat die Albaner sofort beteiligt. Mazedonien sollte ein Nationalstaat mit Minderheiten sein. Aber hat das noch Zukunft?“ Durch die abgebrochene Volkszählung im letzten Jahr weiß niemand so genau, wie groß der Anteil der albanischen Bevölkerung in Mazedonien ist. Problematisch, denn viele Minderheitenregelungen bedürfen einer Zahl um zur Anwendung zu kommen.

Nach 20 Jahren Unabhängigkeit ist Mazedonien also noch immer ein Land im Zustand der Transformation. Die Volkswirtschaft ist schwach, die Infrastruktur marode, die Arbeitslosigkeit hoch – Investoren sind rar. Die Mehrheit der rund zwei Millionen Einwohner versucht, irgendwie durchzukommen. Mit „Skopje14“, einem Großprojekt zur Stadtverschönerung, aber auch zur Demonstration mazedonischen Selbstbewusstseins, versucht das kleine Land sich dennoch in der Welt zu positionieren. Dazu gehört auch eine meterhohe Statue von Alexander dem Großen inmitten von Skopje. Diese ist vielen Bürger*innen ein Dorn im Auge, da diese viel Geld kostete, das – so die Meinung vieler unserer Gesprächspartner – anderswo dringender benötigt wird.


Alexanders Beurteilung fällt in der modernen Forschung, wie auch schon in der Antike, zwiespältig aus. Doch weiß man, dass er sich nicht nur durch seine militärischen Siege sondern vor allem durch seine Politik zum Herren der Welt. Nicht dogmatisch, sondern vor allem durch kluge Analyse und pragmatische Lösungen begründete er seine Herrschaft. Wenn die mazedonische Politik sich ein wenig von dieser Handlungsstrategie ihres selbsternannten Helden abschneiden würde, und weniger Emotionen, sondern mehr Pragmatismus im Umgang mit dem Namensstreit an den Tag legen könnte, wäre viel gewonnen. Ein absolutes Beharren auf den Namen seitens Mazedoniens und die fehlende Gesprächsbereitschaft Griechenlands helfen niemandem weiter.

Dieses kleine Land am Rande der Europäischen Union ist uns mit seiner Geschichte, seinen gastfreundlichen, liebenswürdigen Menschen, dem wundervollen Essen und Wein und der traumhaften Landschaft ans Herz gewachsen. Wir würden uns durchaus freuen, wenn Barrosso mit seiner Aussage irgendwann Recht behalten würde, denn „Europe is a body that cannot survive by standing still“, so Arie van der Pas von der OSCE Mission in Skopje.

Nadine Winter

Pressesprecherin Junge Europäer – JEF Baden-Württemberg