Albanien

Im Rahmen des Projektes „Demokratisierungsprozesse in Ost- und Südosteuropa“ hat eine 15-köpfige Delegation der Jungen Europäer – JEF Baden-Württemberg vom 20. – 27. September 2014 eine Studienreise nach Albanien durchgeführt. Nachdem in den Jahren zuvor Studienfahrten nach Bosnien-Herzegowina, Serbien & Kosovo sowie nach Mazedonien stattgefunden haben, bildete die Studienreise nach Albanien einen vorläufigen Abschluss der intensiven Beschäftigung mit dem Balkan und fügte ein weiteres, wichtiges Puzzlestück hinzu, um die komplexen und vielschichtigen Probleme auf dem Balkan verstehen zu lernen.

Gruppenbild

Die Delegation der Jungen Europäer – Jef Baden-Württemberg gemeinsam mit den JEF Albania

Ziel der Studienreise ist es gewesen, zusammen mit albanischen Jugendlichen einen Blick auf die politische und zivilgesellschaftliche Situation des Landes zu werfen. Albanien ist der jüngste Beitrittskandidat der EU, der Kandidatenstatus wurde dem Land im Juni 2014 zuerkannt. Das Land ist von jahrzehntelanger kommunistischer Diktatur geprägt. Unter Enver Hoxha, der das Land stalinistisch regierte, hat sich das Land zunehmend isoliert, so weit gehend, dass Albaner nicht einmal ihr Land verlassen durften. Vor knapp 25 Jahren hat sich das Land dann der Marktwirtschaft geöffnet. Heute ist Albanien eine junge Demokratie, in der Korruption jedoch weit verbreitet ist und die organisierte Kriminalität blüht.

Wir haben unseren Aufenthalt in Albanien mit einem Besuch des Nationalen Geschichtsmuseums begonnen. Schnell haben wir dabei gelernt, welch fundamentale Rolle die albanische Geschichte für die Identität des albanischen Volkes spielt. Für einen deutschen Besucher etwas befremdlich, zeigt das Museum denn auch nicht einfach welche Völker im Laufe der Jahrhunderte auf heute albanischem Territorium ihre Spuren hinterlassen haben, sondern zieht eine kontinuierliche Linie albanischer Geschichte, die bis zu den Illyrern und den römisch-illyrischen Kriegen zurückreicht. Die Aufmachung des Museums ermuntert denn auch nicht zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, sondern fördert eine Mythologisierung der nationalen Identität.

Unser zweiter Tag war geprägt vom Besuch des Papstes in Tirana. Die ganze Stadt war im Ausnahmezustand, als Papst Franziskus sie auf seinem Papamobil durchquerte. Der Papst lobte das friedliche Beieinander der Religionen und erklärte Albanien zu einem Vorbild in der Welt. In der Tat ist die friedliche Koexistenz von Muslimen (die die Mehrheit stellen), Katholiken und Orthodoxen Christen, und das schon seit Jahrhunderten, bemerkenswert. Albanien stellt in dieser Hinsicht ein positives Kontrastprogramm zu anderen Balkanstaaten wie Bosnien-Herzegowina dar.

In den nachfolgenden Tagen hatten wir die Chance, weitere Perspektiven bei zahlreichen Terminen einzunehmen. Wir trafen uns mit dem Charge d’Affaires der EU-Delegation, welcher uns zwar von der katastrophalen Rechtsstaatlichkeit berichtete, auf mittlere Sicht aber sehr positiver Dinge ist, was einen möglichen EU-Beitritt des Landes angeht. In den Räumlichkeiten des albanischen Jugendministeriums trafen wir uns mit dem Nation Youth Leadership, einer NGO, die sich für Jugendbelange einsetzt. So fordern sie mehr Partizipationsmöglichkeiten für Jugendliche, mehr Transparenz in der Lokalpolitik und setzen sich für ein Studienticket ein, welches, wie in vielen deutschen Unistädten üblich, die Nutzung des städtischen Transportwesens ermöglichen soll. Bei einem Treffen mit der Jugendorganisation der regierenden Sozialistischen Partei sind wir erfreut gewesen, welchen Enthusiasmus die EU bei Jugendlichen noch erzeugen kann. Auf die Frage, welche Rolle die Religion für das Land spielt, erhielten wir die bemerkenswerte Antwort: „Albania’s main religion is Albania“. Auch haben wir uns bei einem informellen Treffen mit der Geschäftsführerin der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Albanien über die wirtschaftliche Perspektive des Landes austauschen können.

Bei der NGO „Institute for Democracy and Mediation“ haben wir einen Einblick in die Zivilgesellschaft des Landes erhalten. Diese NGO befasst sich vor allem mit Sicherheitsthemen wie der geplanten Polizeireform in Albanien. Hier fordert sie mehr Transparenz und eine Dezentralisierung. Beim Besuch der Deutschen Botschaft sind wir vom Botschafter noch einmal für die bedeutende Rolle der Geschichte für die heutige albanische Nationalität sensibilisiert worden. Der Besuch der Botschaft fand zusammen mit unseren albanischen Partnern statt und stellte einen fruchtbaren Gedankenaustausch dar. Bezüglich der Rolle der Geschichte ist interessant, dass sich eine Teilnehmerin beschwerte, dass ausländische Geschichtswissenschaftler nach Albanien kämen und „ihre“ Geschichte schrieben. Bei der Friedrich-Ebert-Stiftung sind wir vom Leiter über die politische Lage des Landes gebrieft worden und haben im Anschluss eine Diskussion mit Vertretern des „National Youth Congress“ geführt. Der National Youth Congress ist eine Dachorganisation für Jugendorganisationen in Albanien und setzt sich allgemein für Jugendbelange ein. Zusammen mit der JEF Albania haben wir schließlich auch einen deutsch-albanischen Abend veranstaltet. Hierzu haben wir alle Jugendliche, die wir im Verlauf der Woche getroffen haben, eingeladen und deutsches Essen serviert.

Zum Abschluss der Woche haben wir eine kleine Rundreise in den Süden des Landes unternommen. In Vlora, einer Küstenstadt in welcher die albanische Unabhängigkeit 1912 ausgerufen wurde, hatten wir die spontane Gelegenheit, eine Schule zu besichtigen. Der Lehrer erklärte uns nicht nur das albanische Bildungssystem, sondern verwies auch auf die schlechten finanziellen Konditionen des Lehrerberufs: Mit ca. 400 €/Monat verdienen sie zwar noch mehr als der Durchschnitt, doch sind die Lebenshaltungskosten nicht eklatant niedriger als in Deutschland.

Wir blicken insgesamt auf eine ereignisreiche Woche in Albanien zurück. Dass Albanien Probleme mit Rechtsstaatlichkeit, Korruption und organisierter Kriminalität hat, ist uns bereits vorher bekannt gewesen. In Albanien haben wir die Möglichkeit gehabt, zu sehen, wie sich dies konkret äußert. Wir haben jedoch vor allen Dingen auch den Fortschritt gesehen, den dieses Land in den letzten 25 Jahren gemacht hat. Die Zivilgesellschaft ist gerade einmal etwas über 20 Jahre alt und heute sehr lebendig. Man sollte auch bedenken, dass Albanien vor 25 Jahren mit ungleich schwierigeren Ausgangsbedingungen zu kämpfen gehabt hat als die jugoslawischen Nachfolgestaaten. Vor Ort haben wir denn auch ein junges Land im Aufbruch erlebt. Wichtig ist vor allem, und dazu konnte unser Aufenthalt beitragen, zu lernen eine albanische Perspektive auf das Land einzunehmen. Auch wenn die Herausforderungen groß bleiben, haben wir bei der jungen albanischen Bevölkerung sehr viel Dynamik und einen Willen zur Reform gesehen, der uns ebenso wie den Charge d’Affaires der EU-Delegation sehr optimistisch stimmt, dass das Land in mittlerer Zukunft der EU beitritt. Albanien würde damit zu seinen alten europäischen Wurzeln zurückkehren.

Diese Studienreise wurde mit Mitteln aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundesfamilienministeriums gefördert.

Einen ausführlichen Abschlussbericht werden Sie in Kürze hier finden.